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Aktuelles Thema: Ist Schönheit schon bald der höchste persönliche Marktwert?

Professor Hermann F. Sailer war 15 Jahre lang Ordinarius und Direktor der Klinik und Poliklinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsspitals Zürich. Er hat tausende von schwierigen Eingriffen erfolgreich durchgeführt und operiert seine Patienten heute in seiner eigenen Privatklinik am Zürichberg.
Eine kritische Patientin hat ihn zu den neusten Trends in der Schönheitschirurgie befragt.

Patientin: Das Geschäft mit der Schönheit hat sich in den vergangenen Jahren weltweit dramatisch entwickelt. Woran liegt das?

Professor Sailer: Wir leben in einer postmodernen Gesellschaft, die das Kaufbare als ihre Grundlage versteht. In einer kapitalistischen Welt kann man sich alles kaufen - natürlich auch die Schönheit. Gleichzeitig leben wir in einer auf Jugendlichkeit fixierten Gesellschaft. Jung und attraktiv auszusehen spielt, etwa im Beruf eine immer grössere Rolle: Wer als jung und dynamisch gilt, hat mehr Zukunft als Vergangenheit und somit überall im Leben bessere Chancen.

Schönheit als Marktwert?

Durchaus. Wer heute mit Schönheitsoperationen seinen eigenen Marktwert verbessert, gilt je länger je mehr als zeitgemäss.

Schönheit ist ja das letzte nicht demokratisierte Gut - anders als etwa Werte wie Bildung oder Chancengleichheit, die der Staat garantiert. Vielleicht fühlt man sich deshalb legitimiert, nun auch die letzte Ungerechtigkeit der Natur zu beseitigen?

Ja, jeder hat das Recht sich zu verändern. Unsere soziale Stellung können wir verbessern. Dasselbe wollen wir heute auch mit unserem Körper und Gesicht tun. Weil unsere Welt säkularisiert und sehr diesseitig bezogen ist und wir keine Ewigkeit, sondern nur unsere begrenzte Zeit auf Erden vor Augen haben, ist es natürlich, dass wir diese Zeit so angenehm als möglich gestalten und auch den Prozess der altersbedingten Veränderungen selbst steuern möchten. Ebenso akzeptieren wir unseren Körper und unser Gesicht nicht einfach mehr als gottgegeben.

Kann man unter dem Aspekt der weltweit steigenden Anzahl von Schönheitsoperationen von einer globalen Angleichung der Körper- und Gesichtsbilder sprechen?

Einen Trend nach globalen Körperbildern kann man durchaus beobachten. Ein Beispiel: Noch vor rund fünf Jahren hatten Brasilien und Argentinien, obwohl sie Nachbarn sind, entgegengesetzte Schönheitsideale. Beide Länder sind schon lange regelrechte chirurgische Gesellschaften, sie liegen mit Amerika gemeinsam an der Spitze, was die Anzahl der Eingriffe betrifft. Argentinien hat sich immer als weisses Land verstanden, weshalb sich die Frauen dort die Brüste vor allem vergrössern liessen in Anlehnung der Vorbilder aus den USA oder Deutschland. In Brasilien hingegen war die häufigste Operation bei Frauen die Brustverkleinerung.
Denn Brasilien ist eine Regenbogengesellschaft von Weiss bis Schwarz. Und da eine grosse Brust das Merkmal einer schwarzen Frau war, aber niemand als schwarz gelten wollte, kam es zu dieser Welle von Brustverkleinerungen. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Lage ins Brasilien jedoch radikal gewandelt. Inzwischen ist die Brustvergrösserung auch dort der häufigste schönheitschirurgische Eingriff bei Frauen. Das neue Körperbild hat also nichts mehr mit lokalen, sondern mit globalen Voraussetzungen und Idealen zu tun.

Wie sieht es mit Gesichtsidealen aus, können Sie da auch ein Beispiel der steigenden Angleichung nennen?

Da können wir uns am Beispiel Asien orientieren: Dort kann man mittlerweile geradezu von einem panpazifischen Gesicht als Ideal sprechen. Die Chirurgen versuchen dort, Gesichter zu modellieren, die nicht japanisch, chinesisch, koreanisch oder vietnamesisch aussehen, sondern "irgendwie" asiatisch.

Es ist ja augenscheinlich, dass bei internationalen Schönheitswettbewerben ein bisschen Ethnizität im Aussehen nicht schadet ...

... aber eben nicht zuviel davon. Man darf heute zwar griechisch, italienisch, jüdisch oder schwarz aussehen, aber eben nicht allzu jüdisch, allzu schwarz.

Warum idealisiert unsere Zeit jetzt weltweit gerade Frauen mit grossen Brüsten?

Wir leben inzwischen in einer postfeministischen Welt. Frauen sind in der Wirtschaft etabliert und, zumindest offiziell, gleichberechtigt. Deshalb können sie sich wieder weiblicher geben.

Offen bleibt die Frage, ob die Beherrschung des eigenen Körpers und dessen kosmetische Veränderung insgesamt zu einem glücklicheren Leben führen. Immerhin nimmt man bei Schönheitsoperationen hohe Kosten und Schmerzen in Kauf.

Die meisten psychologischen Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass rund 85 Prozent der Patienten noch nach drei Jahren nach dem Eingriff mit dem Resultat zufrieden sind. Dabei kostet eine Schönheitsoperation etwa so viel wie ein kleines neues Auto – und mit dem sind die Käufer nach drei Jahren meist nicht mehr so zufrieden. Also ist das Geld vielleicht besser in einen ästhetischen Eingriff investiert als in ein Auto, was die Zufriedenheit betrifft.

Wenn Erwachsene zum Schönheitschirurgen gehen, mag das wohl für sie richtig sein. Aber die Patienten werden immer jünger. Halten Sie das für akzeptabel?

Nein. Das ist ein grosses Problem. In Japan etwa ist es schon fast üblich geworden, dass sich Mädchen noch während ihrer Pubertät die Brüste vergrössern lassen. Oder Nasenoperationen: ein typisches Geschenk zum 16. Geburtstag bei Koreanern oder Vietnamesen. So etwas ist natürlich äusserst problematisch. Denn welches Verhältnis hat man in diesem Alter zu seinem Körper? Und was bedeutet es, wenn man ein solches Geschenk ausgerechnet von den Eltern bekommt, von denen man sich doch wünscht, dass sie einen so akzeptieren, wie man ist? Aber wenn alle Mädchen sich früh operieren lassen, dann herrscht natürlich ein enormer sozialer Druck.

Wenn man schon so früh mit Operieren beginnt, ist die Gefahr nach einer regelrechten Sucht nach immer neuen Eingriffen nicht gross?

Es gibt natürlich Fälle der sogenannten "Polysurgery", der Sucht nach ständig neuen Eingriffen. Michael Jackson gilt als Beispiel dafür. Solche Menschen sollten besser psychiatrisch behandelt werden. Ein seriöser ästhetischer Chirurg wird nicht immer weiter operieren - schon weil er Patienten behandeln möchte, die mit seinen Fähigkeiten zufrieden sind, und nicht solche, die er niemals zufrieden stellen kann. Persönlich würde ich einen Menschen mit solchen Problemen an einen Facharzt im Bereich Psychologie oder Psychiatrie verweisen.

Dennoch wissen wir aus Erfahrung in allen Bereichen der Marktwirtschaft, dass das Angebot selbst sich die Nachfrage schafft. Ist das nicht auch bei der Entwicklung der ästhetischen Chirurgie klar erkennbar?

Wir wissen, dass Wünsche immer gefährlich sein können und es Möglichkeiten negativer Auswirkungen gibt. Man darf aber deshalb bestimmte Entwicklungen noch lange nicht verbieten. Wie jeder Mensch das Recht hat, zu rauchen oder Extremsportarten zu betreiben, hat er auch das Recht - und heute eben die Möglichkeiten – seinen Körper und sein Gesicht zu verändern. Wobei er dabei natürlich weitaus geringere Risiken eingeht als mit Rauchen oder Extremsportarten.

Herr Professor Sailer, danke für das interessante Gespräch!

Es war mir eine Freude.

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